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Das Fahrrad-Ding

Statt Konfirmation oder Jugendweihe gab es für Sohnemann im entsprechenden Alter nach meinem höchst eigenen Gleichbehandlungsgrundsatz ein Fahrrad als Geschenk zum Ausgleich für alle nicht erhaltenen Geschenke mangels Glauben oder Ideologie. Kann er ja auch nichts dafür, dass ich mit beidem nichts anfangen kann und er das von mir geerbt hat.

Da das Rad schon was „Gutes“ war, gab es dazu noch ein ebenfalls hochwertiges Fahrradschloss. Und was man da halt noch so ranbammeln kann, eine stylische Klingel und ein schickes Beleuchtungsset beispielsweise.

Da Sohnemann aber auch leicht verpeilt unterwegs ist und Dinge lieber intensiv benutzt statt sie zu schonen, wurden Klingel, Beleuchtung, Mäntel, Schläuche, Griffe, Pedalen und das Tretlager bereits erneuert. Mehrfach.

Mein Fahrrad, mit dem ich Ende der 80er noch zur Schule fuhr, ist immer noch tippitoppi, aber wir teilen ja auch nur 50% der Gene!

Das Tretlager gab es natürlich nicht mehr genau so im Handel, die Vielzahl an Tretlagern im Netz hat uns schlichtweg überfordert und nach einem Internet-Fehlkauf hat der hiesige Fahradschrauber irgendwas Passendes da reingefrickelt. Im Ergebnis fiel nach 2 Stunden Betrieb immer eine Pedale ab. Nicht schön, aber so ist das mit den günstigen Ersatzteilen! Hätte er doch mal das Rad geschont und nicht immer Stunts auf dem Hinterrad vollführt, bei meinem Rad hat sich in seinen über 30 Jahren schließlich auch noch nichts am Tretlager abgenutzt *mecker*. Ich fand den erzieherischen Aspekt dieser Fehlfunktion eigentlich ganz entzückend 😁.

Es begab sich aber zu der (Corona-)Zeit, als sich alle Freunde nur noch draußen am Kanal oder am See trafen, dass dort ganze Horden Outdoorpartys feierten. Und Sohnemann sich dachte, ach, das Fahrrad nehme ich Mal nicht mit in die Menschenmenge, sondern lasse es Mal lieber an der Straßenecke. Selbstverständlich ordnungsgemäß angekettet am Level-9-Faltschloss. Als er zurūck kam, war es weg.

Und damit die liebe Frau Mama nicht gleich völlig ausklinkt, hat er die Polizei angerufen und eine Anzeige erstattet, damit er mir beweisen kann, dass das Rad tatsächlich geklaut wurde und er sich gekümmert hat. Als er dann um halb 3 zu Fuß daheim angeschlichen kam und über den Diebstahl des Rades berichtete (ich war gerade im Netflix-Serienrausch…) und zum Schluss noch anmerkte, die hinzugezogenen Gesetzeshüter hätten ihm unterstellt, dass er vermutlich eh nur einen Versicherungsbetrug vor hatte, fand ich, das war schon Strafe genug.

Ein Tag später kam der Spezialkleber daheim an, mit dem wir die Schraube der Pedale festkleben wollten. Da war der Schmerz über den Verlust maximal.

Fortan fuhr Sohnemann dann Bus. Oder lieh sich mein völlig funktionstüchtiges Oldtimerrad. Es hat jetzt übrigens eine leichte 8 im Vorderrad *grummel*.

Sohnemann hat sein abgängiges Fahrrad sehr vermisst und erhoffte sich sachdienliche Hinweise aus dem Partyvolk vom See und postete ein altes Bild von dem Rad. Einige Freunde teilten den Beitrag und dann dauerte es nur noch einige Stunden, da erhielt er eine Nachricht: Fahrrad wurde gesichtet! Es steht im nächsten Ort beim Griechen!!!

Dann ging es holterdipolter: Sohn mit Oma zum Griechen, entdeckt sein Rad hinter der Hausecke, sagt der Polizei bescheid, dass er sein gestohlenes Fahrrad gerade gefunden hat, informiert fernmündlich seine Mama, Mama durchforstet mittlerweile den dicken Ordner nach der Rechnung vom Fahrrad, Oma holt Mama plus Rechnung ab, dann gemeinsam zum Griechen, beweisen, dass wir rechtmäßige Besitzer des ramponierten Fahrrades ohne Pedal sind. Die Cops beäugen kritisch den Kaufbeleg und so dürfen wir unter den strengen Augen der Gesetzeshüter hochoffiziell den Drahtesel zurück erobern! Tschakka!

Und jetzt nochmal ausführlich: irgend so ein Partytourist aus der nächsten Stadt feiert bei uns am Wasser. Auf dem Rückweg denkt er ganz pragmatisch und nimmt statt Taxi (Bus fährt um die Zeit ja keiner mehr) das optisch vernünftigste Fahrrad aus dem geparkten Exemplaren. Wie er das Schloss knackt ist nicht bekannt, das fehlt gänzlich. Also radelt er heimwärts. Beim Griechen fällt die Pedale ab. Also fummelt er ein bisschen daran rum, reißt dann vor Frust die Klingel und die Beleuchtung ab und schmeißt hin. Holt sich am Zigarettenautomaten Kippen und setzt sich zu ein paar Nachtgestalten an die Bushaltestelle gegenüber vom Griechen. Gemeinsam wird eine geraucht und der Typ offeriert ein Fahrrad zum Verkauf. Nur leichte Gebrauchsspuren. Da die Nachtgestalten jedoch alle ums Eck wohnen, braucht gerade keiner ein ramponiertes Rad. Der Typ bestellt sich nun doch ein Uber und verschwindet.

Als einer der nächtlichen Bushaltestellenraucher dann so durch die sozialen Kanäle auf seinem Handy scrollt, kommt ihm ein Fahrrad recht bekannt vor und teilt der Community mit, dass das Teil beim Griechen steht. Der hatte morgens ein Fahrrad am Zigarettenautomaten gefunden und zusammen mit der abgefallenen Pedale und der zerbrochenen Kurbel erstmal hinterm Haus verwahrt.

Der Tippgeber geht übrigens auf die gleiche Schule wie Sohnemann, Parallelklasse. Wir loben anschließend noch einen Finderlohn aus.

Tja, und so begab es sich, dass das gestohlene Fahrrad wieder zu seinem Besitzer zurück fand.

Es würden dann nur noch ein paar Kleinigkeiten erworben, um das Gefährt zu komplettieren:

Kurbelarm
Kurbelschraube
Klingel
LED-Beleuchtungsset
Faltschloss Level 10

Insgesamt hat der Spaß 150 Euro gekostet. Und einiges an Zeit, recht viele Nerven und das Vertrauen hat auch ganz schön gelitten.

Aber hej, dafür hat sich ein Typ schätzungsweise 10 Euro für ein Taxi gespart und sich nebenbei noch etwas bewegt und nette Leute an der Bushaltestelle kennen gelernt.

Gestern kam der Brief, dass das Verfahren gegen Unbekannt eingestellt wurde. Obwohl man theoretisch bei Uber hätte nachfragen können, aber bei Diebstahl wird so ein immenser Aufwand ja nicht betrieben.