Nachhaltigkeit muss man auch wollen

Hin und wieder probiere ich die Welt zu retten. Es sind meist nur Kleinigkeiten, aber irgendwo muss man ja anfangen. Also habe ich mir unter Anderem vorgenommen, unsere ortsansässige Gastronomie tatkräftig zu unterstützen. Stichwort: Essen bestellen. Kann ja nicht Präsenzspachteln. So war ich hoch erfreut, die Dorflokalität in meiner bevorzugten Futterapp anzutreffen und nahezu entzückt, dass man da ganz automatisch an einem Prämienprogramm teil nimmt. Denn fast so schön wie Welt retten ist Punkte sammeln. Als ich mich da so durch die tolle Prämienwelt scrolle, fällt mir ein Angebot ganz besonders ins Auge: Bienenwachstücher. BIENENWACHSTÜCHER!!! Der heiße Scheixx unter der Sonne. „Unser blauer Heimatplanet wird garantiert durch Bienenwachstücher gerettet“ schießt es mir durch den Kopf und äußerst angetan trenne ich mich vom Großteil der erfutterten Punkte und lege einen Gutschein für 10% Rabatt in den Warenkorb. Und da es noch einen weiteren Gutschein über Gratis Zahnputztabs für die selbe Seite gibt, landet auch dieser im Warenkorb. Zähne putzen gerät ja nie aus der Mode. Und ich denke nun mal praktisch.

Soweit, so gut. Auf der Bienenwebsite gibt es Bienenwachstücher zu Preisen, bei denen man vorher seinen Sparvertrag auflösen, den Dispo voll ausschöpfen und den logischen Menschenverstand ausschalten muss. Aber wir haben Corona, mir ist langweilig und die Logik muss man eh in den Skat drücken, wenn man seinem 17-jährigen Sohn erklärt, welche Regeln er aktuell gerade einhalten muss, um sich draußen ein Eis zu kaufen. Immerhin habe ich einen Gutschein und der Rest von meinem Verstand gebietet mir, dass ich alles nur menschenmögliche tun muss, um diesen einzulösen. Einfach verfallen lassen…. *nachluftschnapp* nein! Außerdem spart man sich die horrend hohen Versandkosten, wenn man Bienenwachstücher im Wert eines Gebrauchtfahrzeuges kauft. Na, das bekomme ich doch hin! Es wandert eine Familienpackung Bienenwachstücher, bei denen ich mir zwar nicht aussuchen kann, welches Muster sie ziert, aber was will man auch erwarten, wenn man einen Gutschein hat, sowie eine Packung mit Zahnputztabs in den Warenkorb. Gut, für die habe ich zwar ebenfalls einen Gutschein, aber ich putze häufiger Zähne als dass ich Lebensmittel in Bienenwachstücher wickele. Nun habe ich endlich den notwendigen Betrag beisammen, um mir die Versandkosten zu sparen. Prima, laut Übersicht hat es geklappt, bei Versandkosten steht 0,00$. Ja, Dollar. Bienenwachstücher sind soooo international. Okay, jetzt nur noch die Gutscheine eingeben, jawoll, weitere Zahnputztabs für 0,00$ sind nun zu sehen, weiter geht’s mit Paypal, ….., Moment….., was ist denn das da für ein Betrag????? Jaaaaa, wenn man den Rabattgutschein einlöst, rutscht man ganz automatisch unter den Mindestbestellwert, bei dem der Versand gratis ist.

Nachdem mein Brüllanfall abgeebbt ist, gucke ich mir noch mal in Ruhe die Bestellbestätigung an. Ja klar, nun habe ich zwar 10% gespart, die berechneten Versandkosten sind aber höher als die Ersparnis.

Ich tobe noch ein Weilchen vor mich hin, kann mich dann aber beruhigen, denn schließlich geht es um nichts Geringeres als die Rettung unseres Planeten. Und diese tolle One-Klick-Bezahlfunktion hat mir doch wieder eine Minute mehr Lebenszeit geschenkt. Eigentlich sollte ich glücklich sein. Ich gehe mit der Überzeugung ins Bett, ein unglaublich toller Mensch zu sein.

Die Wochen ziehen ins Land und ich sonne mich noch etwas im Glanz der Vorstellung, was ich alles mit Bienenwachstüchern an Alufolie und Plastikfolie künftig einsparen kann und benutze so lange einfach weiter mein Geschirr mit den dazu passenden Deckeln, die Tupperdosen oder meine Silikonhauben. Irgendwas wird sich schon finden, was sich nach heutigen Maßstäben nichts bereits famos abfallfrei abdecken lässt.

An einem trüben Herbsttag wandern meine müden Augen über meinen E-Mail Posteingang und stolpern über Spam… tzzz… da versucht mir doch einer Vorzugaukeln, er wäre das Hauptzollamt… hahaaaa… ich bin doch nicht blöd…..

Langsam und im Hintergrund erkämpft sich mein Verstand durch die imaginäre Abdeckung-vermutlich bienenwachsbeschichtet- empor zum Licht. Was ist eigentlich aus meiner Bienenwachstuchbestellung geworden? Wurde der Versand nicht unlängst bestätigt? Au weia, wo kommen die Dinger eigentlich her?

Nun, da keine Gutscheine mehr das Gehirn blockieren, schaue ich mir ganz vorsichtig und mit Bedacht die Mail vom Zoll genauer an und vermeide, irgendwelche Links zu klicken. Und tatsächlich, mir wird heiß und kalt, die Haut verfärbt sich von weiß zu rot zu pastellgrün… ich könnte entweder nach Irgendwo fahren, um die nicht ordnungsgemäß mit Zollangaben versehene Lieferung aus Thailand (!) persönlich in Empfang zu nehmen oder ich könnte mir das auch gerne per Boten im Eilversand liefern lassen; die Zollformalitäten würden mir dann abgenommen werden, bitte zahlen Sie daher umgehend die Summe X an folgende Zahlstelle….

So, nun atme ich ganz langsam in eine Papiertüte. Eiiiinnn, auuuuuus.

Nebenbei beiße ich in den sauren Apfel. trenne mich von weiterem Vermögen und hoffe darauf, dass diese beknackten Tücher unter Garantie gut brennen werden.

2 Stunden später klingelt ein Kurierfahrer an der Tür und überreicht mir einen kleinen hübschen Umschlag. Ich bin ganz ergriffen davon, welch erhebendes Gefühl sich einstellt, wenn man im Alleingang die Welt rettet.

In einer recht ausführlichen Mail an meinen Essenslieferdienst schildere ich anschließend meine Erfahrungen mit deren Prämienprogramm und dass ich künftig lieber einen Satz Plastiktüten bestellen werde statt bei Ihnen eine Mahlzeit.

Kurze Zeit später erhalte ich eine Antwort. Sie können nicht auf mich und meine Futterbestellungen verzichten, Entschuldigung, BlaBla, treuer Kunde und so und überreichen mir einen weiteren Gutschein. Aber was noch viel genialer ist: aus dem Prämienshop wurde umgehend die Gutscheine der Bienenausbeuter entfernt.

Ehrlich rundum zufrieden checke ich den Prämienshop und: tatsächlich! Kein einziges Angebot für Bienenwachstücher oder Zahnputztabs. Das macht mich glücklich: ich habe auf diesem Planeten tatsächlich etwas bewirkt und die Menschheit davor bewahrt, für viel Geld einen Artikel um den halben Erdball fliegen zu lassen, den man ehrlich gesagt easy selbst herstellen kann.

SO rettet man die Welt!

Vielleicht, wenn mir mal ganz doll langweilig ist, poste ich eine Anleitung zur Herstellung von Bienenwachstüchern. Seid gespannt!

4 Gedanken zu “Nachhaltigkeit muss man auch wollen

  1. Sehr gut, Martinsche! Man muss nicht immer alles hinnehmen. ich bin neulich auf FB angepöbelt worden, hab’s angezeigt und zack, der Typ wurde gesperrt. Aber jetzt entschuldige mich, ich muss mal kurz die Welt retten…

    • Guter Plan *grins* und FB ist wirklich gruselig, was da so abgeht. Da traue ich mich gar nicht mehr rein ohne Betäubung! Finde ich super, dass Du Dir nüscht gefallen lässt, diese Typem brauchen dringend einen Dämpfer.

  2. MCL, wie sie leibt und lebt. Ich habe sie vermisst, diese wunderbaren Berichte aus deinem Weltretterleben. You made my day. 😀
    Herzensgrüße und ab mit dir, weiter die Welt retten, da gibt es bestimmt noch ganz viele tolle Dinge…
    Anni

  3. Herrlich!!!
    Vielen lieben Dank für diese wundervolle Geschichte. Ich kann das SEHR gut nachvollziehen, denn mir geht es oft ebenso – sparen ist SO wichtig. Und weltretten auch.

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