Zu weinerlich?

Sohnemann hat arge Sorgen in der Schule und ich strebe einen Schulwechsel für ihn an.

Freie Plätze gibt es an der in Frage kommenden Schule nicht, also soll ich der Schulleitung schriflich mein Anliegen vortragen.

Hier also mein Entwurf:

 

Sehr geehrte Frau Schulleitung,

heute wende ich mich an Sie mit der Bitte um Überprüfung, ob ein Schulwechsel meines Sohnemanns an Ihre Top-Schule zum Beginn der 8. Klasse möglich wäre.

Leider durchläuft Sohnemann an der Ätz-Schule einen Leidensweg. Ein Mitschüler hat sich ihn als Ziel für Beleidigungen, Provokationen und Verleumdungen ausgesucht und leider erhält Sohnemann keine Unterstützung der Lehrer, um dagegen vorzugehen. Der Mitschüler geht dabei sehr geschickt und einfallsreich vor, so dass selten ein Lehrer konkret etwas mitbekommt. Nun soll ich mich mit Unterstützung des Elternvertreters selbst an dessen Eltern wenden, da seitens der Schule bislang nichts erreicht wurde.

Die Jahrgangsleiterin der 7. Klassen lehnt Gespräche mit den Eltern des entsprechenden Schülers mittlerweile ab, da der Vater einen sehr respektlosen Umgang gegenüber Frauen pflegt. Klassenkonferenzen verlaufen ergebnislos und der Mitschüler fühlt sich durch das inkonsequente Vorgehen nur noch mehr darin bestätigt, dass er machen kann, was er will und ihm nichts passiert. Stattdessen dreht der Mitschüler den Spieß um und behauptet bei jeder Auseinandersetzung, er hätte nichts getan, sondern ihm wurde etwas angetan.

So musste Sohnemann schon Strafarbeiten erledigen, weil Aussage gegen Aussage stand und kein Lehrer sich die Mühe machte, sich näher mit der Angelegenheit zu befassen. Vielleicht war der Mitschüler auch nur lauter und vehementer bei seiner Aussage. Sohnemann wurde auch einmal vom Unterricht ausgeschlossen, musste einen Tag lang vor dem Lehrerzimmer sitzen, mit der Begründung, er wäre immer dabei, wenn was passiert und hätte einen generellen Denkzettel verdient. Es wurde auch behauptet, Sohnemann würde spucken und schubsen, obwohl das zum Standardrepertoire seines Mitschülers gehört.

Da der Mitschüler bereits 2 Kinder auf dem Schulhof verprügelt hat, wobei ein Kind sogar im Krankenhaus versorgt werden musste, und auch gerne mit seinem schlagkräftigen großen Bruder droht, hat mein Sohn jeden Morgen kein guten Gefühl auf dem Weg zur Schule.

Erst letzten Montag  wurden Sohnemann von dem Mitschüler vor Beginn der Sportstunde Beleidigungen zugeflüstert, aber Sohnemann war es, der für seine Bemerkung „Lass mich in Ruhe!“ 10x den Satz „Ich höre auf die Anweisungen meines Lehrers“ aufschreiben musste, weil er quatschte, obwohl gerade der Lehrer sprach. Seine Erklärung wurde vom Sportlehrer abgetan mit den Worten „Ist mir doch egal. Regelt das untereinander. Eure Probleme interessieren mich nicht!“. In der Umkleidekabine gingen die Provokationen weiter und Sohnemann hat sich innerlich so aufgeregt, dass er starkes Nasenbluten bekam. Den anfänglichen Streit musste er dann, neben der schriftlichen Strafarbeit, zu Papier bringen und abgeben – so, wie es an der Ätz-Schule bei jeder Auseinandersetzung üblich ist. Abschließend musste er noch sein Blut aufwischen und verbrachte den Rest des Sportunterrichts liegend auf einer Bank.

Bedauerlicher Weise tritt mein Sohn bei der Verteidigung seiner Rechte immer sehr zurückhaltend auf und möchte lieber Streit vermeiden, als aufzubegehren und anzuecken. Er frisst dann Probleme in sich rein und ich selbst brauche viel Fingerspitzengefühl, um nach Schulschluss herauszufinden, was genau ihn betrübt und warum er wieder sehr in sich gekehrt und traurig ist.

Meiner Meinung nach sollte eine Schule das soziale Miteinander ihrer Schüler fördern, den Heranwachsenden die Chance geben, zu selbstbewussten Persönlichkeiten heranzureifen und Gerechtigkeit zu erfahren. Sohnemann hingegen lernt Angst, Resignation und Ungerechtigkeit kennen. Auch das Miteinander im Klassenverband ist geprägt durch gegenseitiges Misstrauen und es wird seitens der Lehrer gefördert, sich gegenseitig anzuschwärzen. Leider gibt es dadurch keinen Zusammenhalt in der Klasse und wenig echte Freundschaften. Förderliche Maßnahme wie beispielsweise eine Klassenfahrt finden nicht statt. Entgegen seiner Erfahrungen aus der Grundschule Heilewelt nutzen viele Lehrer an der Ätz-Schule das Anschreien der Kinder als Erziehungsmethode. Das verunsichert ihn zusätzlich.

Deswegen möchte ich Sie bitten, Sohnemann die Chance zu geben, durch einen Schulwechsel wieder Spaß am Lernen und  Freude mit den Mitschülern zu erleben.

Seine schulischen Leistungen konnte er bislang noch auf einem guten Niveau halten, allerdings möchte ich nicht abwarten, bis der tägliche Spießrutenlauf sich auf seine Leistungen auswirkt. Eine Kopie des Prognosezeugnisses für das 2. Schulhalbjahr 2016/2017 füge ich zur Kenntnisnahme bei.

Ich hoffe sehr, dass Sie meine Bitte wohlwollend prüfen und stehe jederzeit gerne für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Die heulende Mutter

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24 Gedanken zu “Zu weinerlich?

  1. Ach verdammt, ist das eine fiese Situation! Ich hoffe, es klappt mit dem Schulwechsel. Ich finde den Briefentwurf sehr gut lesbar und glaubwürdig. Ich nehme an, „Sohnemann“ und „Ätz-Schule“ sind Platzhalter für die richtigen Namen…? 😉
    Zwei Kleinigkeiten: im ersten Satz würde ich vorschlagen: „ob ein Schulwechsel meines Sohnemanns an Ihre Top-Schule zum Beginn des Schuljahrs 2017/18 in die 8. Klasse möglich wäre“ – einfach ein klein wenig präziser.
    Und
    „Bedauerlicherweise tritt mein Sohn bei der Verteidigung seiner Rechte immer sehr zurückhaltend auf und möchte lieber Streit vermeiden, als aufzubegehren und anzuecken.“
    würde ich nicht schreiben, denn prinzipiell ist ein so friedfertiges Verhalten ja eigentlich nicht zu bedauern, nur in der gegebenen Situation ist es von Nachteil. Auch ist ja eine zurückhaltende, friedliche Persönlichkeit nicht etwas, was die in Frage kommende Schule abschrecken würde, ihn aufzunehmen, eher im Gegenteil.
    Mein Vorschlag:
    „Mein Sohn tritt generell bei der Verteidigung seiner Rechte sehr zurückhaltend auf und möchte lieber Streit vermeiden, statt aufzubegehren oder anzuecken. Bedauerlicherweise frisst er dann Probleme eher in sich rein und ich…“ – das „bedauerlicherweise“ also einfach etwas verschieben…
    Ich drücke die Daumen!

    • Richtig: alles kursive habe ich bewusst etwas umbenannt.
      Danke für die Vorschläge! Gefällt mir sehr gut – an der Stelle habe ich auch etwas mit mir gerungen, es fiel mir aber nichts richtiges ein…
      Vielen Dank für Deine Mühe. Das hilft mir echt weiter.

  2. Es ist sehr gut formuliert, incl. der Änderungen von annesch, aber im Abschnitt 5 kann es sein daß sich da ein kleiner Schreibfehler eingeschlichen hat? „kein guten Gefühl“ sollte eventuell kein gutes Gefühl oder mit keinem guten Gefühl heissen?
    LG und ich hoffe du berichtest, ob es geklappt hat.
    Gruß Doro

    • Da hst Du Recht, Doro. Ich bin da auch schon mit dem Auge hängen geblieben, wusste aber, dass es eigentlich „kein gutes Gefühl“ heißen soll und konnte den Fehler dadurch irgendwie nicht erkennen. Dankeschön!

  3. Wir machen hier gerade das gleiche mit unserer Tochter durch. Keiner fühlt sich zuständig, da es sich ja nur um „Pubertätsgerangel“ handeln würde. Es ist einfach nur ätzend. Wir drücken euch ganz fest die Daumen, daß euer Sohnemann einen Platz an der Top-Schule bekommt.

    GlG Ulli

  4. Au backe, Ihr Armen! Aber Du fightest das durch. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Du die Problemsituationen am Anfang nicht zu ausführlich schilderst und dabei natürlich sehr stark Partei ergreifst. Letzlich musst Du Dich ja auch auf die Aussagen des Sohnes verlassen. Schlag doch der Direktorin mal vor,dass Sohnemann gern für einen oder mehrere Tage zur Probe in ihren Unterricht kommen kann. Dann können sich die Lehrer selbst ein Bild davon machen, ob er in die Klasse passt und wie er mit seinen Klassenkameraden umgeht? Ich drücke Euch auf jeden Fall die Daumen. Es ist schon schade, dass in solchen Fällen nicht die Störenfriede verwiesen werden, wie es das gesunde Rechtsgefühl verlangt.

    • Ja, vermutlich sollte ich mir noch etwas Text für einen persönlichen Vortrag aufsparen, sonst könnte ich nur auf mein Schreiben verweisen.
      Der Ätz-Schule ist mittlerweile klar, dass Sohnemann die Wahrheit sagt- es will sich nur keiner mit dem Schulverweis nr 3 an dem Mitschüler die Finger dreckig machen. Der wäre dann der finale Rausschmiss.

      • Ach herrje. So einen hatten wir in der alten Klasse – mit ein Grund, warum wir erleichtert über den Wechsel waren. Und es hat sich nix da geändert, obwohl der Elternrat tobte. Echt ärgerlich – 24 Kinder leiden, weil ein Elternpaar zu blöd ist, zu erkennen, dass ihr Sprößling Probleme macht!

  5. Ach ja, und ich muss zu Bedenken geben, dass eine Direktorin natürlich täglich auch mit hoffnungslosen Helikopter-Müttern zu tun hat. Ich würde ihr nicht nur ein persönliches Gespräch mit Dir selbst anbieten, sondern auch mit Deinem Sohn.

      • Weiß ich doch. ABer die Direktorin weiß das noch nicht. Und die bekommt bestimmt ständig Briefe von besorgten Müttern, deren hochbegabte, hochsensible, unterschätzte und gemobbte Kinder auf den anderen Schulen nicht ausreichend gewürdigt/gefördert/ge-wasauchimmer werden. Ich sage nicht, dass Du dazu gehörst. Aber irgendwie muss die Direktorin ja die Spreu vom Weizen trennen, gell. 🙂 Und ich glaube, ein gutes Anzeichen für Helikoptermütter ist, dass sie immer für ihr Kind sprechen…meine Mutter hat mal bei einem Arbeitgeber gearbeitet, der Stipendien an Studis vergab. Die bekam dann in der Bewerbungszeit täglich Anrufe wie: „Mein Sohn ist ja sooooo begabt!“ Es half aber allex nix, Sohnemann musste sich selbst bewerben. Und total oft hat man genau von denen NIE WIEDER was gehört 🙂

  6. Ach herrje. Alles gut geschrieben und alles andere schon gesagt/kommentiert. Ich kann deinem Sohn nur wünschen, dass er an dieser unsäglichen Situation wächst und gestärkt daraus hervor geht. Wie elend ist das alles… Ich höre davon immer wieder. Dass sich Lehrer aber nicht mehr einmischen, liegt sicherlich auch daran, dass viele Eltern (nicht du hier in dieser sehr schlimmen Situation!!!!) wegen Nichtigkeiten Prozesse anstreben usw. An unserer Schule klagte ein Vater gegen das in der Schule vorherrschende Handyverbot bzw. die Nutzung desselben innerhalb der Schulzeit. Das sei ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte und lauter so blabla. Wenn der besagte Vater des Kindes bei euch da ähnlich tickt, kann man sich ja ausdenken, wie so ein Verhalten auf seinen Sohn wirkt und wozu sich also an Regeln oder ähnliches halten. Schlimme Sache.
    Ich wünsche dir viel Kraft und euch beiden, dass es eine gute Lösung für deinen Sohn gibt.
    ♥ Anni

    • Danke. Ich schätze mal, es ist beim Handy-Verbot in der Schule geblieben?
      Bei uns ist der Vater kulturell andere Maßstäbe gewohnt und lässt sich nur was von gestandenen Männern sagen. Genau so tickt der Sohn…
      Liebe Grüße

      • Das Handyverbot wird gerade wieder „wild diskutiert“ und es ist noch keine Einigung in Sicht. Himmel, was sind das bloß für Zeiten. Das Thema mit den kulturell anderen Maßstäben kenne ich aus Erzählungen von zwei Freudinnen, die Grundschullehrerinnen sind, zu genüge. Auch da: Himmel hilf!

      • Bei dem Handyverbot kann man echt geteilter Meinung sein – es gibt ja bereits Schulen, die das Handy bewusst einsetzen zum recherchieren und als Taschenrechner… Wenns allerdings darum geht, jederzeit zu Whatsappen und Youtube zu gucken, dann gehört das Dings eindeutig weg.
        Wo es eindeutige Regeln gibt, an die sich alle halten, sind Verbote überflüssig. Aber das ist idealistische Theorie…
        Bei Sohnemann gilt die Regel, das Handy ausgeschaltet in der Tasche zu lassen. Aber einigen Lehrern ist es lieber, die Kids rechnen mit dem Handy, wenn sie den Taschenrechner daheim vergessen haben, als gar nicht und schon ist die Regel durchbrochen….

  7. So ein Mist! Ich finde den Brief mit den genannten Anpassungen sehr gut und drücke fest die Daumen! Hoffentlich bekommt er die Chance, die er verdient hat. Sonst musst Du ihm vorübergehend einen „großen Bruder“ kaufen, der ein paar Mal an der Schule auftritt und Ätz-Dumpfbacke einschüchtert. LG, H.

  8. Ach Mensch, das ist ja traurig. Und ich kann gut verstehen wie du dich sorgst.

    Dein Brief ist sehr gut formuliert. Sachlich, nicht wütend und dennoch nicht emotionslos.
    Wie auch? Da kann man sich wirklich Sorgen machen, wenn das eigene Kind sowas erleben muss und die Lehrerschaft wohl eher weg als hin sieht. Deppen!!

    Das ist klassisches Mobbing, was da abgeht. Und wenn der Vater des üblen Knabens auch so ätzend drauf ist, dann wundert einen nichts mehr. Aber das ist kein Grund nen Rückzieher zu machen. Da muss ne Lösung her. Und die steckt sicher in einem Schulwechsel.

    Mein Großer hat ähnliches auf der Realschule erlebt und erlitten. Dem wurde tagtäglich von so einem Ekel das Pausenbrot abgenommen und an den Wänden der Flure oder am Treppengeländer breit geschmiert. Wenn dann die Frage kam: „Wessen Brot ist das gewesen?“ dann stand mein Sohn im Fokus. Lauter solche Storys……. aber der Kerl war bekannt und berüchtigt. Und bald gab es keine Zweifel mehr, dass er der Übeltäter war. Die Klassenlehrerin war schon in die Psychiatrie eingewiesen worden, als der Knabe dann endlich der Schule verwiesen wurde. Alle atmeten auf.

    Ich drücke mit euch zusammen die Daumen, dass der Schulwechsel für deinen Junior gelingt.

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