Naturfaul

Hin und wieder meckere ich ja gerne über Verkehrsteilnehmer und Mitmenschen, die mir den Tag versauen, indem sie Auto fahren, mit mir zusammen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen und sich durch irgendein von mir empfundenes Fehlverhalten von der groben Masse hervorheben.

Und irgendwann einmal wurde ich gefragt, ob ich nicht meinen Weg zur Arbeit mit Fahrrad plus Elektromotor bewältigen könnte.

Einen schwachen Moment habe ich wirklich darüber nachgedacht.

Nur ganz kurz.

Denn: so ein E-Bike ist ja nicht gerade ein Schnäppchen. Die Akkus sind schweineteuer, halten nun auch nicht ewig und sind anschließend Sondermüll. Außerdem gehen einige Modelle ab wie Schmidts Katze und ich befürchte, Unfälle mit denen sind nicht wirklich empfehlenswert.

Also dachte ich etwas ernsthafter darüber nach, ob ich nicht mit meinem 25 Jahre alten Fahrrad zur Arbeit fahren könnte. Dagegen spricht die Strecke von gut 25 Kilometern (one way) und das Fehlen einer Dusch-, Wasch- oder Umkleidemöglichkeit im Büro. Und null Knautschzone, daher Helmpflicht, und der Berliner Verkehr, der mir schon im Auto Angst einjagt.

Eigentlich wollte ich bereits im September einen Teil meiner Strecke mit dem Fahrrad fahren, um einerseits etwas Bewegung in meinen Alltag einzubauen und auch etwas Fahrgeld mit den Öffentlichen zu sparen. Also war der Plan, die Strecke bis zur nächstgelegenen Bushaltestelle auf berliner Stadtgebiet per Velo zurückzulegen.

Dann hätte ich meine Fahrkarte auf den Bereich „AB“ (81,00 EUR) beschränken können statt gleich „ABC“ (99,90 EUR) zu kaufen. Allerdings befand ich mich beim Kauf bereits ohne Fahrrad auf dem Rückweg vom Büro… und vorausschauend, wie ich bin, habe ich mir die volle Packung der Tarifbereiche gegönnt, denn es reichen ja rechnerisch 6 Tage Regenwetter, und ich pfeife auf das Fahrrad und brauche dann doch den C-Bereich (ein bisschen kenne ich mich ja…).

Wir reden übrigens über eine Strecke, die mit dem Fahrrad auf der Straße 6 Kilometer beträgt. Eine Strecke. Durch den Wald. Also: keine Beleuchtung, nur einseitig Bürgersteig+Radfahrweg-in-einem-Lösung und einer hochprozentigen Wildtierbegegnungsquote. Mittendrin mit einem Nadelöhr, einspurig, ohne Fuß-oder Radweg. Stadtauswärts fahrende Verkehrsteilnehmer müssen in Ausweichbuchten den Gegenverkehr abwarten (theoretisch) und Fahrräder sind dort zum Abschuss freigegeben (gefühlt).

Ihr seht schon…

Andererseits hätte diese Teilstrecke ermöglicht, nicht komplett Durchzuschwitzen und im Bus wieder etwas abkühlen zu können, eh man das Büro betritt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Das Projekt „tägliche kleine Radtour“ zur sportlichen Ertüchtigung und Schonung von Portemonnaie ist kläglich gescheitert. Keinen einzigen Tag konnte ich mich auf dem Weg zur Arbeit morgens aufraffen und das Fahrrad nehmen.

Nur einen Tag am Wochenende haben wir eine schöne Familienradtour gemacht, die uns über die gleiche Strecke führte. Mit dem Unterschied, dass wir das Nadelöhr gemieden haben und lieber quer durch den Forst geradelt sind, statt der Straße zu folgen. Ist zwar länger, aber viel schöner. Mit geübtere Ortskenntnis kann man die Tour sicherlich in 20 Minuten bewältigen, erhöht die Wildtierbegegnungsquote allerdings auf nahezu 100 % (wir sahen eine Rotte Wildschweine und ein Rudel Rotwild mit 2 wunderschönen Hirschen. Prächtiges Geweih).

Und der Weg führt an dem Gedenkstein entlang, wo vor 7 Jahren eine Joggerin gewaltsam ums Leben kam… Bis heute konnte der Mörder nicht gefasst werden. Trauig und ein wenig beängstigend.

Immerhin kann ich mir bei Freizeitradtouren die Zeit so legen, dass zumindest die Sonne scheint und es nicht regnet. Das geht auf dem Weg zur Arbeit und zurück nun nicht mehr so selbstverständlich.

Zusammengefasst:

Habe ich ein Busticket, lasse ich das Fahrrad stehen.

Habe ich ein Auto, vergesse ich sofort die öffentlichen Verkehrsmittel.

Ich bin einfach faul wie Sau.

 

 

 

 

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14 Gedanken zu “Naturfaul

  1. Also die Strecke durch den Wald finde ich ein bisschen gruselig…besonders bei trübem Wetter.
    Ich bin dieses Jahr auch nur höchstens dreimal gefahren, wie peinlich. Aaaaaber nächstes Jahr bestimmt wieder 😂😂😂

  2. da ich weiß, wo du wohnst, kann ich das so voll und ganz nachvollziehen – da empfinde ich die Öffentlichen eigentlich schon als Herausvorderung! 🙂

  3. Nee. Durch den Wald würde ich allein auch nicht fahren wollen, schon gar nicht, wenn das Wetter nicht mitspielt. Brauchst ja nur mal ein Wildschwein frontal zu treffen und dann liegste im Match… Aber wie wär’s mit einem Trainingsgerät zuhause? 🙂 LG, H.

  4. Nö, biste nicht. Wie Rag’n bone man so schön singt: You’re only human! Bei den Optionen würde ich ebenfalls jederzeit mein Fahrrad stehen lassen und seitdem ich ein Auto habe gruselt es mich vor dem ÖPVN erst recht!

    • Prima, diesbezüglich nicht allein zu sein.
      Gestern musste ich micht tatsächlich in einer S-Bahn umsetzen, weil sich einer, der sehr stark nach Mensch roch, zu allem Überfluss auch noch eine Kippe anstrecken musste. GRUSELIG!

  5. Ein herrliche Herleitung bis zur Zusammenfassung. Drei Sätze eigentlich. Punkt. Ende. Aus. Aber schön, dass du das Gefühl hast, dich irgendwie ein bisschen rechtfertigen zu wollen. Auch so ein innerer Schweinehund möchte ja mal gehörig Beachtung finden. Ach, ich liebe deine Beiträge. Bitte weiter so. Ob mit dem Auto, dem Bus oder was immer dich durch Zone AB bis ABC bringt. Köstlich.
    Fröhliche Grüße ♥ Anni

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