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Sehr geehrter Herr Papa,

seit guten zwei Jahren…. tja. Schon geht’s los. Wie drücke ich es aus? Du selbst nanntest es, wenn der Jenige in Deinen Augen ein guter Menschen war, „an Gottes rechter Seite sitzen“. Nun war es ja leider so, dass Du selbst weit entfernt von Attributen wie gut oder christlich warst, insofern kommt „in der Hölle schmoren“ irgendwie auch nicht in Betracht. Wie immer eine Extrawurst für Dich?

Vor gut zwei Jahren hat Dich eine höhere Macht aus dem Verkehr gezogen und schlimmeres verhindert. Und das stammt noch nicht mal von mir, sondern von einem Deiner beiden Söhne. Einer der vier Söhne, die nicht bereits als Kind verstorben sind, weil sie unter dem Kopfkissen ersticken oder beim Baden ertrinken mussten. Du hattest mir mal den wahren Grund ihres Sterbens ins Gesicht geschrieen, um mich nachhaltig einzuschüchtern und meine Angst vor Dir zu schüren, es mir aber im Nachhinein verboten, darüber zu reden und mir gedroht.

Es war wirklich ein befremdlicher Moment, als ich erfuhr, dass Du gestorben bist. Vielleicht sagt Dir „Facebook“ etwas, vielleicht auch nicht. Jedenfalls wurde mit die Nachricht Deines Ablebens über Facebook mitgeteilt. Von einem meiner Halbbrüder. Nicht der, bei dem ich über Facebook erfuhr, dass er geheiratet hat; der andere.

Als Kind habe ich mir immer vorgestellt, dass ich Dich mal als alten Mann pflegen werde. In meiner kindlichen Vorstellung habe ich mich darauf gefreut, Dich später einmal genau so zu demütigen, zu schlagen und zu beleidigen, wie Du es mit mir gemacht hast. Mit Deinem Tod traf mich die Gewissheit, meinen heimlichen Traum nie erleben zu können. Das war irgendwie enttäuschend.

Andererseits hatte ich lange Zeit gehofft, Du würdest einfach tod umfallen und mein Leben würde dadurch endlich normal werden. Keine zerstochenen Reifen mehr an meinem Auto. Die ersten Male war ich noch voller Wut, wenn wieder ein Reifen platt war. Und auch ein kleines bisschen amüsiert darüber, dass mein alter Herr stets darauf achtete, seitlich in den Reifen zu stechen, damit kein Flicken der Reifen möglich war. Die Holzschraube, die Du stecken ließt, damit der Schaden nicht sofort bemerkt wird, hat mich allerdings sehr erschrocken. Was wäre da nur passiert, wenn mir die auf der Autobahn bei hoher Geschwindigkeit rausgeflogen wäre? Mit Deinem Enkel an Bord? Als Du dann anfingst, mir immer gleich 2 Reifen auf einmal zu zerstören, damit ich nicht mehr nur einfach das Reserverad montieren konnte, war ich wirklich stinkwütend auf Dich!!

Auch der Auftritt an der Kindertagesstätte, bei der Du mir aufgelauert hattest, weil ich dort auf jeden Fall erscheinen musste, als Du mir und meinen Sohn drohtest, uns zu töten,  gehörte zu einen der miesen Höhepunkte unserer Vater-Tochter-Beziehung. Ob Dein Enkel an Deiner Darbietung Schaden nimmt, war Dir egal. Auch, dass ich alles mit dem Handy filmte.

Die einstweilige Verfügung, uns nicht mehr anzurufen, zu schreiben oder uns zu nähern, hast Du vermutlich sofort verbrannt und ignoriert. Das tatest Du ja bereits bei der ähnlichen gerichtlich Verfügung, nachdem Du meine Mutter fast erwürgt und aus dem Haus gejagt hast. Aber das ist eine andere Geschichte, wie Du Deine einstige Ehefrau über 36 Jahre lang als Deine Leibeigene behandelt hast. Ich weiß, dass ich 6 Jahre alt war, als ich das erste Mal alleine in den Supermarkt zum Einkaufen ging, weil die Sonnenbrille meiner Mutter das Veilchen am Auge nicht gänzlich bedeckte.

Die Erleichterung, von Deinem Tod zu erfahren, blieb leider aus. Ich war sehr irritiert, dass ich mich darüber nicht ähnlich freuen konnte wie über einen Sechser im Lotto. Trauer empfand ich auch nicht- eigentlich fühlte ich gar nichts. Nur eine gewisse Abneigung gegenüber Facebook und „moderner Kommunikation“. Dem Tod steht meiner Meinung nach immer noch Büttenpapier und ein schwarzer Streifen am Besten!

Ich musste mich irgenwann einmal von der Vorstellung trennen, dass Du mein Vater bist. Damit kam ich gar nicht klar und versuchte fortan, Dich „das Monster, der mal mein Vater war“ zu nennen. So ähnlich wie „the artist formerly known as Prince“, aber vermutlich kanntest Du Prince gar nicht. Vielleicht begegnet ihr euch jetzt… woimmer das auch ist. Für Dich gab es nur Johnny Cash und Roger Whittaker. Mir wird immer noch schlecht, wenn ich ihn pfeifen höre.

Es fällt mir sehr schwer, stets diese „Monster, der mal Vater war“-Redewendung flüssig über die Lippen zu bringen. Aber Vater warst Du eigentlich auch nie, denn Väter nehmen ihre Kinde auch mal in den Arm, was Du nie tatest. Du hast immer alles in Geld gemessen. War ich eine gute Tochter, dann floss überreichlich Taschengeld. Bei Fehlverhalten drehtest Du den Geldhahn zu. Die so genannte „Aussteuerversicherung“, die Du für mich abgeschlossen hattest, sollte Deiner Meinung nach erst an mich ausbezahlt werden, wenn ich vor Dir auf eine Waage stehe und dort nicht mehr als 65 Kilo angezeigt werden. Nur zu gerne hätte ich Dir diese 15.000,00 DM, um die es sich drehte, in den Hals gesteckt. Aber das Geld habe ich nie gesehen. Die 65 Kilos im übrigen auch nicht…

Bei jeder Kleinigkeit hast Du gedroht, mich zu enterben. Viel Gelegenheit habe ich Dir nicht geboten, ich war ein überaus angepasstes Kind, also hörte ich bei Lapalien die „sonst-enterbe-ich Dich“-Litanei. Dir gefielen meine langen Haare nie. Schminkte ich mich, nanntest Du mein Aussehen nuttenhaft. Lackierte Fingernägel hast Du mir beim ersten Mal „ausgeprügelt“ und mir „Umgang“ mit einigen meiner Freunde verboten. Als ich Dich beim Aufbau meines Kleiderschrankes daran erinnert habe, dass Du eine Schraube vergessen hattest, hast Du mir die Bohrmaschine auf die Brust gesetzt, mich angeschrieen und abgedrückt. Der Bit bohrte sich in meine Haut, Du hast sofort „Enterben!“ gebrüllt und mich mit dem halb aufgebauten Schrank stehen gelassen. Nicht, ohne Deine Leiter mitzunehmen, die statt einer Treppe in das Obergeschoss meines neuen Hauses führte. Den einzigen Weg in mein Bett hast Du mir damit genommen. Mit Wonne und Schmackes hast Du die Leiter aus meinem Haus gerissen. Eine abgeplatze Stelle an einer Fliese erinnert mich immer daran, wenn ich sie entdecke. Damals war ich schwanger, hatte Dir erst kurz vorher gebeichtet, dass mich der Erzeuger meines Sohnes hat sitzen gelassen und stand in einem Haus, das zwar einen gefließten Boden hatte, aber kein fließend Wasser, kein Klo – und fortann auch kein erreichbares Bett. An diesem Abend habe ich weinend bei den Großeltern meines ungeborenen Kindes geklingelt und darum gebeten, bei ihnen übernachten zu dürfen, weil ich nicht wusste, wo ich schlafen sollte.

Diese Fliese im Flur werde ich niemals austauschen.

Du hast Dir immer alle Träume erfüllt. Sang Roland Kaiser was von Hawaii, dann bist Du dort hin geflogen. Zum 50. Geburtstag hast Du Dir selbst einen Mercedes geschenkt, weil Du den einfach umwerfend fandest. Bist mit dem VW-Transporter 3 Monate durch Europa gereist, weil Du den Leuten spannende Stories Deiner Reisen erzählen wolltest. Bist in Paraguay schwimmen gewesen, obwohl es Piranhas im Fluss gab. Weil Du der König warst und Dir keiner was konnte. So einen blöden Fisch hättest Du doch mit zwei Fingern zerquetscht! Als letzten großen Traum hast Du mich enterbt. Weil Du das schon immer mal machen wolltest.

Ich hoffe, das hat Dir einen richtig schönen Abend nach Deinem Gusto beschert, als Du Dein Testament verfasst hast. Es war ja nicht das erste, denn auch Deine beiden Söhne wurden regelmäßig enterbt und so waren stets Anpassungen erforderlich. Die letzte Version war die, in dem Du über zwei Seiten dargelegt hast, was für ein widerwärtiger Mensch ich bin. Dass der Erzeuger meines Sohnes – der Vater Deines Enkelsohnes!- völlig recht dabei hatte, mich in der Schwangerschaft verfettetes Weibstück zu verlassen. Dass ich lügen würde, nie eine gute Tochter war und nicht würdig, Dein Erbe anzutreten. Zumindest war das die letzte Version, die Deine Söhne bei Dir fanden.

Zu Deiner Beruhigung: es hat mich wirklich tief verletzt, Deinen blanken Hass gegen mich aus Deinem letzten Willen herauszulesen. Und es hat mich mit Scham erfüllt, dass Deine gehässigen Worte bei der Testamentseröffnung laut in einem Gerichtssaal verlesen werden mussten. Und noch zu ein paar weiteren Gelegenheiten; dazu gleich mehr. Ich selbst konnte diese Flut von Anschuldigungen nur ein einziges Mal lesen; für weitere Male fehlten mir die selbstzerstörerischen Tendenzen.

Wirklich bleich wurde ich, als ich erfuhr, dass sich unter Deinen letzten Habseligkeiten eine Handfeuerwaffe mit Munition befand. Deinen Wunsch, Deine einzige Tochter zu töten, hat sich glücklicher Weise nicht erfüllt.

Was Du allerdings auch wissen solltest:

Deine beiden Söhne, die für Dich unter anderem die Vermögensfürsorge im Rahmen der Betreuung übernahmen, haben Deine Konten leergeräumt, keine einzige Rechnung mehr bezahlt und Deine Autos unter Wert verhökert. In meinem Elternhaus fand ein letzter, armseliger Flohmarkt statt und alles brauchbare haben fremde Menschen für’n Appel und ein Ei jetzt bei sich zu Hause. Anschließend ließ sich Dein jüngerer Sohn wieder gemächlich in das Netz der Privatinsolvenz fallen und hat auf sein Erbe verzichtet. Fein raus! Der andere hat die Rechnungen im Laufe der Zeit auf ungefähr das doppelte anwachsen lassen und dann versucht, den Gläubigern meine Mutter zum Fraß vorzuwerfen. Was übrigens nicht funktionierte.

Ich habe mich da rausgehalten – schließlich wurde ich enterbt.

Übrigens gibt es einen Pflichtteil. Vielleicht wusstest Du das nicht – vielleicht dachtest Du, er würde sowieso nichts übrig bleiben. Aber auf meinen Pflichtteilsanspruch habe ich nicht verzichtet. Auch wenn dafür Dein Testament noch von viel mehr Leuten gelesen werden musste. Das habe ich irgendwie ausgehalten. Meine Ersparnisse habe ich in genau die Anwältin investiert, die schon Mama bei ihrer Scheidung von Dir vertat. Du müsstest Dich noch an Sie erinnern – Du bist ihr bei den wenigen Malen bei Gericht begegnet, an denen Du dort erschienst. Das war ja nicht oft, weil Du stets die Termine ignoriert hast, aber Du konntest Sie nicht leiden. Ich finde sie großartig.

Meinen Pflichtteil habe ich mir vor dem Landgericht Berlin erstritten. Von Deinem Erbe war zu diesem Zeitpunkt nur noch eine halbe Eigentumswohnung übrig -der Rest war unter die Räder gekommen und veruntreut worden. Ich musste mir Geld borgen, um den einzigen Erben auszuzahlen. Aber: die Eigentumswohnung gehört jetzt Mama und mir gemeinsam. Ich hoffe, Du drehst Dich jetzt im Grabe um.

Das wollte ich Dir noch erzählen.

Verzeihen gehört nicht dazu.

Töchter sind auch nur Menschen und wenn ich jetzt ein kleines bisschen Triumpf empfinde, dann bin ich noch zu Gefühlen fähig.

 

 

 

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Umzug der Tomaten

Nein; mit Karneval hat das natürlich nix zu tun.

Unser letztjähriger Tomatenstützpunkt hat sich als zu schattig und damit ungeeignet erwiesen.

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Da. Direkt vor dem Fester ein kuscheliges Beet mit schicker Überdachung. Aber Tomaten sind kleine Diven und waren nicht zufrieden. Nur die ganz rechts gepflanzten Exemplare hatte Früchte angesetzt; alle übrigen waren zickig und verweigerten die weitere Zusammenarbeit.

Mit etwas Überlegen hätte uns klar sein müssen, dass diese Bäume in südlicher Richtung echte Schattenspender sind (wenn da erst mal Blätter dran sind)

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Also haben wir uns jetzt mobile Beete zugelegt, die wir zur Not noch bewegen können.

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Die handelsüblichen Kisten haben wir weiß gestrichen, damit sie in unser Farbkonzept passen (dass ich sowas mal schreiben könnte, hätt ich nie gedacht!)
Innen wurden sie mit einer ollen, ausgemusterten Abdeckung ausgekleidet, damit sie nicht so schnell vergammeln. Die ist schon so löcherig, dass sich das Gießwasser aber nicht stauen kann und die Pflanzen so keine nasse Füße bekommen können. Das mögen sie nämlich auch nicht. Und dann wurden die Pflanztröge auf das sonnigste Plätzchen weit und breit gerückt.

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So, die Tomaten können jetzt einziehen!