Mutter-Kind-Kur

Ich bin mittlerweile ein ruheverwöhntes Ex-Berliner Landei und die 16-jährige freiwillige Existenz in meinem Dorf vor den Toren der großen Stadt haben ihre Spuren hinterlassen. Himmel- ist das hier laaauuut!

Die erste Woche habe ich quasi gar nicht geschlafen, weil ich mich nicht so recht an die Geräusche gewöhnen konnte. Autos auf Kopfsteinpflaster direkt vor dem Fenster, die mit 70 Sachen durch die 30er Zone brettern. Nachbarn über mir, neben mir, überall. Ich bin da echt verwöhnt.

Und natürlich Kinder in rauen Mengen. Ich Einzelkind mit meinem Einzelkind bin hier die Ausnahme. Die meisten haben 2, manche 5, eine auch 6 Kinder (die hier waren). Was bin ich privilegiert!

Alle anderen hetzen zwischen der Kita hin und her, bringen ein Kind hier hin, das andere da hin, eins auf dem Arm, eins am Bein und gestehen mir, dass es zu Hause weniger stressig ist als auf der Kur. Puh! So manch eine Mutter lässt die Entspannung sausen, um die Kinder zu schaukeln. Meiner geht selbständig hoch zur Kinderbetreuung und als ich einmal so richtig verschlief, auch alleine frühstücken.

Wirklich gleich macht uns ein Magen-Darm-Virus. Da k*tzen alle konform. Wobei auch hierbei Sohnemann sich für die effektvolle Variante entscheidet, und nachts um halb 3 vom Hochbett speit.

Kind hängt wie ein Schluck Wasser in der Kurve und zieht auf die Kloschüssel um, während Mama rettet, was noch zu retten ist. 2 Laken und ein kompletter Bettbezug plus Einziehdecke und Kopfkissen sind kontaminiert. Was nun?

Nachtschwester anrufen. Gut, die interne Durchwahl kenne ich. Die geht nicht. Ich erinnere mich, dass einige Mamas erwähnten, man müsse eine „2“ vorwählen. Klappt auch nicht. Leichte Panik kommt auf. Tatsächlich kann ich intern gar nicht telefonieren und muss mich erinnern, wie hier die Vorwahl ist und die Telefonnummer von der Rezeption und dann die letzte Null weglassen, dafür die Durchwahl anfügen. Um kurz nach halb drei! Falls noch einer Vorschläge für das Bundesverdienstkreuz braucht… *wink*

Die Nachtschwester sagt erstmal.. Nichts. „Halloooo“ frage ich zögerlich. Nichts. Dann sowas wie atmen.. Aha. „Nachtschwester XY hier“. Nicht sonderlich überraschend. „Ich befürchte, wir haben hier einen Fall von Magen-Darm“ informiere ich sie. Das scheint sie auch nicht gerade in Alarmbereitschaft zu versetzen. Also warte ich ein weiteres Lebenszeichen von ihr ab. Kommt nur leider nicht. „Was soll ich jetzt tun?“ – – – „weissichauchnich“ – – – „Aha. Wo bekomme ich jetzt frische Bettwäsche her?“ – – – „hallo?“ – – – Ich muss die Gute echt voll aus der Tiefschlafphase rausgerissen haben. „Komme ich denn jetzt noch ins Haupthaus rein, um Wäsche zu holen? Die ist nämlich nicht mehr benutzbar!“ „Es gibt einen Notfallschrank mit frischer Bettwäsche. Der ist bei der Waschmaschine.“ „Ah, gut. Gibt es da auch Kopfkissen und Decken?“ „Weiß ich nicht“ „Und wenn nicht?“ „Dann können Sie ja nochmal anrufen“ Ähm, darauf werde ich wohl verzichten. Statt Inlet beziehe ich halt die Wolldecke und stopfe den Kissenbezug mit allem voll, was an Handtüchern verfügbar ist. Sohnemann schläft jetzt unten und ich im Hochbett. Der Gedanke, was von ihm wohl übrig bleibt, falls mich das Hochbett nicht trägt, lässt mich wieder wach bleiben.

Am nächsten Tag ist für Sohnemann Bettruhe angesagt. Er schließt die Jalousien, schaltet den Fernseher aus und schläft bis 17:00. Dann ist der Spuk vorbei und er wieder genesen.

Familien mit mehreren Kindern trifft es teilweise so zeitversetzt, dass sie fast ne Woche out of Order sind. Gerade, wenn der Nachwuchs sich nicht an die Bettruhe halten kann oder auch die Mutter spuckt. Ich versäume nur einmal Qi Gong und bin nicht sonderlich betrübt darüber.

Überhaupt: in mir wohnt ein fremdes Wesen, was mir nach 2 Tagen Kur zuraunt: „Heute gab es viel zu wenig Sport im Programm! Ich will noch mal raus zum Nordic Walking!“ Leicht erschrocken gebe ich nach und walke noch ne Stunde um den See. Im strömenden Regen. Doch das Sportwesen ist höchst zufrieden und nimmt es gelassen hin, dass die Regenjacke den Regen nicht abhält, dafür aber ungefähr einen Liter in den Ärmeln speichert. Ich stelle die Stöcker beiseite und aus den Ärmeln rinnt ein mittlerer Sturzbach. Egal.

Ich mach hier alles mit. Kneipp-Güsse, Aroha, Yoga, Wassergymnastik und Aquajogging. Ich besuche Gesprächsgruppen, lasse mich berieseln zum Thema „Familienkommunikation“, „Grenzen setzen“ und „mein Kind und ich“. Hoooray! So viel falsch mache ich gar nicht! Nur „Geschwisterrivalität“ lasse ich aus bekannten Gründen ausfallen. Ich lasse mich in Sole baden, in Moor packen, mache relaxative Muskelentspannung und Wirbelsäulengymnastik, selbst beim Aerobik nehme ich teil und befürchte, ich bin die Einzige, die sich an Jane Fonda erinnert.

Echt jetzt! Ich bin hier die Älteste. Selbst meine Tischnachbarin mit 5 Kindern ist jünger als ich, obwohl ihr Ältester fast doppelt so alt ist wie meiner. Dafür tragen beide Jungs den gleichen Namen… Mir ist ein wenig unheimlich zumute.

Gerade sitze ich am See, Sohnemann springt abwechselnd ins kühle Nass oder angelt. Ich stelle mir Entsetzen fest, dass schon 2 (zwei!) Wochen vergangen sind. Na, dann… Nehme ich all meinen Mut zusammen und geh auch eine Runde im See schwimmen. Mit Temperaturen um die 20 Grad. Das erste Mal seit Jahren! Vielen Dank Herr Kneipp. Ihre Güsse bringen echt was.

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9 Gedanken zu “Mutter-Kind-Kur

  1. Wo Kinder sind, wird auch gekotzt😂
    Gut, dass ihr es schnell hinter Euch gebracht habt. Ich wünsche Euch noch ein paar schöne Tage, und bestimmt freust du dich schon auf die Ruhe zuhaus!!! Lieber Gruß, Carola

  2. Was? Magen-Darm um die Jahreszeit? Wo steckst Du eigentlich? Bei uns war alles sehr relaxt, obwohl ich Ein-Kind-Mütter sehr beneidet habe. Oft stellte sich aber heraus, dass die die anderen zwei, drei oder vier Kinder daheim gelassen hatten…Aroha hatte ich leider nur zweimal, aber das fand ich total genial! LG Lu

    • Ich bin in der märkischem Schweiz, in Buckow. Das ist so in der Mitte zwischen Berlin und Polen.

      Ja, Magen-Darm grassiert weiterhin. Jetzt sind die „neuen“ dran.

      Wir hatten Aroha bei 2 Trainern. Einmal brauchte ich fast den Notarzt, beim nächsten Mal war es total pillepalle. Kommt wohl stark auf den Trainer an!

      Lg

  3. Ach, ein herrlich abenteuerlich anmutender Bericht mitten aus dem Leben. Ich hoffe, du bzw. ihr habt das MD-Thema durch und überlasst das dann auch den anderen und genießt dafür eure Tage dort! Inzwischen ist sicher auch die Sonne angekommen und der See etwas wärmer… Nichts wie rein! 🙂

  4. Hätte ich mir angesichts der Fotos ja denken können…hatte schon fast auf Mecklenburg-Vorpommern getippt. Ich kann ja das Therapeutikum Westfehmarn sehr empfehlen! Aroha war bei uns schon gut schweißtreibend, aber mir hat es einfach total gut gefallen, dass es im DReivierteltakt und mal was Ganz anderes war. GEstern hab ich Latino-Mix ausprobiert. Ich habe mich derartig blamiert…der Trainer meinte nachher nur zu mir, „Ich bin stolz auf Dich, dass Du nicht rausgegangen bist“, haha! Das war auch das einzige Lob, das ihm zu mir eingefallen ist….Trotz allem: Genieß die Kur. Ich fand die erste Woche auch recht anstrengend. Ich habe witzigerweise erst nach 1 Woche zu Hause gespürt wie gut erholt ich WIRKLICH war!

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