Das Leben ist endlich

Sohnemann rief gerade an. Bei uns im Ort wurde heute ein Junge von einem Laster überrollt. Heute morgen auf dem Weg zur Schule. Er hatte auf seinem Rad eigentlich Vorfahrt.

Diese Information kam natürlich nicht so komprimiert bei mir an, sondern über viele umständliche Worte eines Neunjährigen, der sehr betroffen war. Anschließend folgte der Bericht meiner 77-jährigen Mutter, die als drittes Auto an der Unfallstelle war. Deutlich besser formuliert, wenngleich durch ihr Weinen auch nicht besser verständlich.

Man muss dazu wissen, dass durch eine Baustelle gerade sämtlicher Durchgangsverkehr durch das kleine Dorf rollt. Die Baustelle, die Ende des Jahres fertig sein soll. Die sich schon über 2 Jahre hinweg zieht und allen schon vielfältigste Umleitungen zugemutet hat, da dafür erst 3 Kreuzungen umgebaut werden mussten. Die nun hoffentlich bald fertig gestellt wird.

Jetzt gibt es nur noch zu hoffen, dass der Junge überlebt und nicht für immer im Rollstuhl endet.

Eine Klassenkameradin von Sohnemann war dabei und hörte alle Knochen brechen und den Jungen schreien. In der Klasse wurde das besprochen und ich denke, das die Lehrerin schon die richtigen Worte fand und alle entsprechend aufgefangen hat. Meiner wusste jedenfalls zu berichten, welches der sicherste Weg ist, den er immer nimmt nehmen sollte. Nämlich nicht über die beliebte, gefährliche Abkürzung, sondern hintenrum über die Ampel. Meine Mutter hat das anschließende Chaos vor Ort mitbekommen, sah den Sechstklässer auf der Straße liegen, Mütter, die halfen, die Rettungsdecke gnädiger Weise über den Körper ausbreiteten und den Verkehr notgedrungen regelten.

Jetzt sitze ich hier und stelle mir existentielle Fragen, kämpfe mit den Tränen und denke an die Eltern und natürlich das Kind selbst. Das Leben ist endlich. Hoffentlich macht jeder Mensch auf Erden das Beste für sich daraus.

Nachtrag:
Auf dem Weg zur Volkshochschule kam ich an einem weiteren Unfall vorbei. Auto gegen Motorroller. Zum Glück saß die Fahrerin auf der Straße, so war ich mir sicher, dass ihr nichts allzu schlimmer zugestoßen ist. Zumindest war nicht ausschließlich liegen möglich. Sofort unruhig geworden undfestgestellt, dass alleine im Auto unterwegs sein mich noch viel unruhiger macht.

In der Volkshochschule hatten die ersten den Beitrag in der Abendschau schon gesehen. Der Junge kam per Helikopter in eine Klinik. Ich selbst habe es nicht gesehen und weiß auch nicht so ganz, ob ich es auch unbedingt sehen möchte.

Auf dem Weg nach Hause kam ich an der Unfallstelle vorbei und fuhr wie in Trance. Irgendwie war ich auf alles gefasst: Blumen, Blut, Menschenmengen. Es war aber nichts zu sehen.

Sohnemann hat natürlich bei Oma den Beitrag im Fernsehen geschaut. Nun bekommt er das Bild vom Körperumriss auf der Straße nicht aus dem Kopf. Und das Bild von dem Jungen, wie er ihn das letzte Mal auf dem Schulweg gesehen hat. Mit ihm hat er sich öfters mal unterhalten. Jetzt kann er nicht einschlafen.

Heute ist offenbar Vollmond.

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12 Gedanken zu “Das Leben ist endlich

  1. Liebe MCL, ich bin ganz bestürzt, es ist so kostbar das Leben und es kann so vieles innerhalb von Sekunden passieren, die das Leben verändern können. Ich war vor einigen Wochen in einem Gottesdienst, in dem der Pfarrer einen sehr schönen irischen Segensspruch vorgetragen hat, den ich mir seitdem immer wieder ins Gedächtnis rufe:

    Gott gebe dir
    für jeden Sturm einen Regenbogen,
    für jede Träne ein Lachen,
    für jede Sorge eine Aussicht
    und eine Hilfe in jeder Schwierigkeit.
    Für jedes Problem, das das Leben schickt,
    einen Freund, es zu teilen,
    für jeden Seufzer ein schönes Lied
    und eine Antwort auf jedes Gebet.

    Ich kenne die Familie nicht, ihr Leid muss sehr groß sein. Ich wünsche ihnen und euch, die ihr vielleicht helfen und unterstützen könnt – auch wenn ihr einfach nur „da“ seid – viel Kraft und Zuversicht und alles Gute.

    Liebe Grüße

  2. Ich muss gestehen, mir ist gerade etwas die Luft weggeblieben. Bei uns ist es nun ein gutes Jahr her, dass das Schicksal unser Leben von einer Sekunde auf die nächste Sekunde verändert hat. Antetannis Segensspruch ist sehr schön. Nur mit solch einer Einstellung lässt sich das weitere Leben für die Betroffenen auch wirklich leben. Genieße jeden schönen Augenblick, denn Du mit Deinen Lieben hast. Schaue nicht so sehr zurück und sehne Dich nicht nur in die Zukunft.
    Ich wünsche der Familie alle Kraft.

  3. Oh Gott, da werden alle Probleme null und nichtig! Ich bete für die Familie und den Jungen und für euch, dass ihr Kraft habt, mit den Erinnerungen umzugehen und für D., dass er daraus lernt, und trotzdem weiter vorsichtig und mutig seinen Weg geht. Liebes , ich drück dich!

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